Okt 4, 4 Monaten ago

Wenn „Heile“ spontan Ja sagt

Wenn „Heile“ spontan Ja sagt

Handball: Das erste Oberliga-Derby zwischen dem SV Hermsdorf und dem HBV Jena 90 gewinnen die Kreuzritter

Marcus Schulze

Hermsdorf Sebastian Hammer wollte unbedingt dabei sein. Verletzung hin, Verletzung her – und so erhob sich der angeschlagene Linksaußen von seinem Tribünenplatz in der vollbesetzen Werner-Seelenbinder-Halle, um im nächsten Moment gar furchtlos über die Bande zu springen. Dass sich sein linker Arm in einer Schlinge befand, hinderte ihn nicht daran. Alles fürs Team, alles für die Kreuzritter…

Und so war der nunmehr 25-Jährige, der sich am vergangenen Spieltag in Glauchau die Schulter auskugelte, ein paar flüchtige Momente später Bestandteil des fröhlichen Reigens, den die Handballer des SV Hermsdorf am Samstagabend unmittelbar nach dem Abpfiff der Partie gegen den HBV Jena 90 auf dem Spielfeld darboten. Mit 22:21 entschieden die Gastgeber das erste Derby seit 2018 für sich – und die SVH-Schlachtenbummler waren selig. Sehr selig sogar, schließlich konnten sie den ersten Sieg in der Mitteldeutschen Oberliga seit der Spielzeit 2016/17 bejubeln. Die Saalestädter hingegen mussten die nunmehr dritte Niederlage in Folge über sich ergehen lassen…

Naturgemäß hätte Sebastian Hammer lieber in das Geschehen da auf dem Parkett eingegriffen, als zu einem passiven Dasein auf der Tribüne verdammt zu sein, wo übrigens auch Hannes Rudolph ausharren musste, da er sich am vergangenen Spieltag eine Verletzung am Fuß zuzog – und so saßen die beiden gehandicapten Linksaußen nebeneinander und bildeten ein energisch-mitfieberndes Duo, bei dem Hammer jedoch tonangebend war. Bei jedem Hermsdorfer Tor erhob er sich und streckte seinen gesunden rechten Arm samt geballter Faust ein ums andere Mal gen Hallendach…

„Da oben sitzen zu müssen und nur zuschauen zu können, ist alles andere als schön; es ist ein einziger Krampf, aber ich kann mich da auch nicht zurückhalten und versuche die Mannschaft zu unterstützen und werde künftig auch bei jedem Spiel dabei sein – da spielt es keine Rolle, dass ich verletzt bin“, sagte Sebastian Hammer, der am Montag einen Arzttermin in Erfurt hat, bei dem er die exakte Diagnose erhalten wird. Fakt ist aber: seine Schulter war definitiv ausgekugelt…

Aufgrund der Ausfälle in seinem Team war mal wieder das Improvisationstalent von Mario Kühne am Samstag gefragt, und auch dieses Mal fand der findige Trainer zwei Lösungen: zum einen war Nick Heinemann wieder mit von der Partie, zum anderen stand plötzlich ein Protagonist auf dem Feld, der am Ende der vergangenen Saison eigentlich seinen Abschied vom Spielbetrieb bei den Kreuzrittern genommen hatte: Jan Heilwagen – und er trug ein Trikot mit seiner einstigen Nummer, der 14.

Im ersten Akt nun, den die Hausherren dominierten und mit 11:8 für sich entschieden, spielte der reaktivierte Flügelflitzer gut 20 Minuten und erzielte zudem zwei Tore.

Und wie kam es nun zu seiner Reaktivierung? „Na ja, ich war als Zuschauer mit in Glauchau und habe alles hautnah mitbekommen, und am Sonntagvormittag hat mir dann Mario geschrieben und fragte, ob ich nicht Lust auf ein Comeback hätte – und da habe ich spontan ja gesagt“, berichtete der nunmehr 38-Jährige. Am Montag sei er daraufhin – nach mehreren Monaten Pause – erstmals wieder für 25 Minuten Laufen gewesen, habe zudem am Dienstag und am Mittwoch trainiert: „Mir hat alles wehgetan, doch die Muskeln haben gehalten“, sagte Jan Heilwagen, der sich mit seiner Leistung – im Großen und Ganzen – zufrieden zeigte. Das habe schon alles gepasst, er sei ja noch nicht so lange raus, allein die Torausbeute hätte eine Idee größer ausfallen können.

Apropos Tore: Über weite Strecken der Begegnung konnten die Gastgeber einen Vorsprung von zwei bis drei Treffern ihr Eigen nennen. Erst gen Ende gelang den Jenaern dank Luke Stricker die Egalisierung zum temporären 20:20 (56.). Stricker wiederum – seines Zeichens Neuverpflichtung in den Reihen der Gäste – hatte mit seinen Toren in den letzten 15 Minuten der Begegnung eine große Aktie daran, dass die Saalestädter noch im Spiel blieben. Mit neun Toren war er dann auch der erfolgreichste Werfer der Jenaer – und nach seinem Ausgleich sah es für kurze Zeit danach aus, dass die Gäste die Partie womöglich noch zu ihren Gunsten drehen könnten, doch dann gaben Kristijan Smiljcic (21:20/56.) und Felix Reis (22:20/59.) die Spielverderber. Zwar konnte Luke Stricker 40 Sekunden vor Ultimo noch auf 21:22 verkürzen, doch am Ende waren es die Kreuzritter, die jubeln durften… „Die ganze Zeit rannten wir hinterher; unsere erste Halbzeit war einfach nur schrecklich, aber am Ende hatten wir unsere Chance“, resümierte Sergio Casanova, der jedoch noch auf einen weiteren Sachverhalt zu sprechen kam: die Siebenmeter seines Teams – in Gänze waren fünf nicht von Erfolg gekrönt, wovon einer jedoch nicht gewertet wurde. So oder so, der Trainer haderte mit der Ausbeute: „Wenn du nacheinander gefühlt fünf Siebenmeter verwirfst, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass du mit deinem Kopf nicht bei der Sache bist“, monierte Casanova.

Und wie sehr schmerzt ihn die Niederlage gegen Hermsdorf? „Nicht mehr als andere Niederlagen – das muss ich ganz ehrlich sagen. Klar, es ist ein Derby, aber entscheidend ist für mich am Ende lediglich, dass wir zwei Punkte verloren haben“, sagte der HBV-Coach mit versteinerter Miene.

Als während der letzten zehn Minuten des Derbys der nicht gerade üppige Vorsprung der Holzländer immer kleiner wurde, schritt Mario Kühne noch eine Idee unruhiger als gewohnt die Außenlinie ab und blickte zudem immer wieder gen Uhr an der Anzeigetafel. Erst das Tor von Felix Reis zum 22:20 bescherte ihm eine gewisse Gelassenheit… „Ich denke, dass wir verdient gewonnen haben, auch wenn wir uns die gesamte Partie über auf maximal vier Tore absetzen konnten. Irgendwann haben wir dann im Angriff lethargisch agiert, und es haben sich mal wieder Fehler eingeschlichen“, resümierte Mario Kühne. Und ja, er habe da an der Außenlinie geschwitzt – und zwar nicht zu knapp. Er ging sogar davon aus, dass sein Deo versagt habe…

Erfolgreichster Werfer in seinen Reihen war indes Paul Götze, der sieben Tore erzielte – und niemand jubelte so schön und motivierte zugleich das Publikum wie der 25-jährige Lehramtsstudent. „Ich habe versucht, unsere Fans in emotionaler Hinsicht mitzunehmen – und am Ende hat das ja ganz gut funktioniert. Irgendwann hatten sich alle von ihren Plätzen erhoben – und dann ist Hermsdorf einfach nur eine Macht“, sagte Paul Götze.

Ach ja, Jan Heilwagen hat nicht vor, jetzt immer Gewehr bei Fuß zu stehen. Das sei nicht sein Plan. „Der eine oder andere hat schon gesagt, dass ich am Ende noch auf zehn Spiele in dieser Saison komme, doch das wird wohl nicht der Fall sein. Aber ich kann mir vorstellen, immer donnerstags am Fußballtraining teilzunehmen“, sagte der kleine Flügelflitzer nach seiner – wohlmöglich einmaligen – Reaktivierung.

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