Nov 8, 4 Monaten ago

Frei von Dramaturgie

In keinem Moment kommt der SV Hermsdorf in der Partie gegen die HSG Saalfeld-Könitz in die Bredouille und siegt unspektakulär 38:29 (21:12)

Von Marcus Schulze

Hermsdorf. Stefan Riedel wirkte sichtlich zufrieden. Er lachte, wie nur eben er lachen kann. Selbst mit Mitte 30 wirkt der Routinier in den Reihen des SV Hermsdorf, der ja nur noch sporadisch in das Geschehen da auf dem Platz eingreift, wie ein Jugendlicher. Dergleichen kann nicht jeder von sich behaupten. Das Lachen – oder eben die gute Laune des Herrn Riedel – rührte zum einen von dem reichlich unspektakulären Erfolg seiner Kreuzritter am Sonnabend gegen die Gäste der HSG Saalfeld-Könitz, zum anderen, schließlich war die Partie Geschichte, von jenem Kasten Hopfenbrause, den er durch und durch entschlossen gen Kabine transportierte. Vorfreude und so. Dergleichen nennt man wohl mannschaftsdienlich. Ja, es sei schon seltsam, dass er als ältester Spieler des Teams den Kasten schleppen müsse, ließ Riedel, dessen wahrlich ernstes Konterfei ja immer noch eine Wand in der Werner-Seelenbinder-Halle ziert, einen Teamkollegen wissen. Es war natürlich nur ein Spaß. Er ist und bleibt halt ein Schelm, dieser Handball-Haudegen mit der Zehn.

Gut 60 Minuten vor jener selbstlosen Geste in Sachen Durst ackerte der „Silberrücken“, der bei den vergangenen beiden Begegnungen gegen Werratal und Mühlhausen nicht mit dabei war, in seiner typischen Manier. Riedel wühlte sich beherzt durch die Abwehrreihe der Gäste, rückte den Ball auch auf Knien und im unübersichtlichen Handgemenge partout nicht heraus, selbst wenn gefühlt drei Gegenspieler an ihm hingen.

Laktattest während des Spiels

Zwei Tore steuerte der Spieler zum 38:29-Sieg auf diese „wühlende Weise“ bei. Einmal schließlich, als er denn erneut aufbrach, um gleich einem Gladiator im Namen des Teams durch die gegnerischen Linien zu schlagen, muss ihn jemand am Ohr gekratzt haben. Er ließ sich kurz auswechseln, um die überschaubare Verletzung behandeln zu lassen. Doch von einer Verletzung wollte die altgediente Kante gar nicht erst sprechen, krümmte sich vor Lachen mit dem Hopfen-Kasten in seinen Händen. „Ach was, ich habe einfach einmal einen Laktattest während des Spiels machen lassen“, sagte Riedel, der nun aber dringlichst zu seinen durstigen Companeros in Sachen Handball aufbrechen musste. Nicht, dass da noch jemand mit trockener Kehle auf der Strecke bleibe.

Das Spiel selbst, bei dem die fleißige Arbeitsbiene Marvin Schreck urlaubsbedingt fehlte, dafür aber Hannes Rudolph wieder den Luftraum vor des Gegners Gehäuse – mitunter erfolgreich – unsicher machte, war frei von Dramaturgie. Es gab keinen Moment, in dem die HSG den Mannen von Pierre Liebelt hätte gefährlich werden können. Der SV Hermsdorf, der nach den Niederlagen gegen Werratal und Mühlhausen auf Wiedergutmachung aus war, gab sich dann auch keine Blöße. Ein Pflichtsieg, bei dem jeder der eingesetzten Protagonisten das Tor traf. Und es wurden alle eingesetzt, der Coach ließ aufgrund der Dominanz seines Teams ordentlich rotieren, räumte auch jenen Spielern Zeit ein, die ansonsten erst einmal auf der Bank ausharren müssen.

Dass das permanente Wechselspiel in seinen Reihen mitunter zu Brüchen und auch Unstimmigkeiten im Spielverlauf führte, nahm der Trainer dabei beiläufig in Kauf. So habe heute ein junger Spieler wie etwa Tom Friedrich (19) die Möglichkeit erhalten, eine Menge zu lernen.

Darüber hinaus nutzte Pierre Liebelt die Gunst der Stunde in der Thüringenliga, um diverse Spielsysteme auf Herz und Nieren zu prüfen. So ließ der SV-Coach in der zweiten Hälfte mit zwei Kreisläufern – Matthias Krüger und Gabor Csikos – spielen, ein Konzept, das laut Trainer aufgegangen sei.

Nach 16 Minuten lag der SV Hermsdorf bereits mit sechs Toren in Führung (10:4), für die Martin Ehm, Vladut-Razvan Vlad, Jan Heilwagen und eben Stefan Riedel verantwortlich waren. Spätestens mit der Einwechslung von Felix Reis, der dann binnen weniger Minuten fünf Tore zur 20:11-Führung beisteuerte (29.), war da eine klare Tendenz auszumachen. Halbzeitstand: 21:12.

Zur zweiten Hälfte kann zumindest an dieser Stelle gesagt werden, dass in der 50. Spielminute dank des Treffers von Sebastian Hammer der Gastgeber die maximale Führung von 13 Toren (34:21) erreichte. Beim Abpfiff waren es dann „lediglich“ noch neun.

Am Ende haderte Pierre Liebelt nur ein wenig mit dem individuellen Abwehrverhalten, diesbezüglich würden seine Spieler noch zu oft ihren direkten Nebenspieler alleine lassen. Dergleichen würde mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein Maximilian Remde sofort unterschreiben, der in der Schlussphase der Partie noch einmal lautstark seinen Unmut über die unzureichende Abwehrarbeit äußerte. Er selbst, auch das kann einmal erwähnt werden, hatte sich diesbezüglich nichts zu Schulden kommen lassen, arbeite nach hinten ohne Furcht und Tadel und erzielte auch noch sechs Tore.

Nichtsdestotrotz betonte der Trainer nach der Partie auch, dass es nun einmal in der Natur der Sache liegen würde, wenn denn bei einem durchschnittlichen Vorsprung von zehn Toren im zweiten Durchgang die Konzentration irgendwann etwas nachlassen würde.

Und Stefan Riedel? Der ist ja nun schon seit über einem Monat stolzer Papa, weswegen er von Hallensprecher Holger Posse auch schon einmal als „Daddy Cool“ – wahrscheinlich in Anlehnung an den gleichnamigen Titel von Boney M. aus dem Jahr 1976 – betitelt wurde. Und auch als Vater hätte er immer noch Freude daran, sich mit seinen Gegenspielern um den Ball zu streiten. Das sei halt sein Ding. Und eigentlich wolle er ja nur seinen Kollegen damit helfen. „Es macht einfach Spaß. Mit den Jungs macht es eigentlich immer Spaß, die sind einfach alle toll. Und solange wie ich Zeit dafür finde, werde ich auch noch mitspielen.“

Neue Spielsysteme auf Herz und Nieren getestet

Bleibt eigentlich nur noch die Frage, ob sich denn sein Blick auf den Handball aufgrund seines Vater-Daseins geändert habe? „Nö, es macht mir noch genauso viel Freude wie zuvor. Nur jetzt komme ich nach einem Spiel nach Hause, wo neben meiner Freundin nun auch noch jemand anderes auf mich wartet: mein Sohn.“

SV Hermsdorf: Csikos (3), Ehm (4), Friedrich (1), Hammer (2), Heilwagen (3), Krüger (1), Minas (1), Nedved, Reis (6), Remde (6), Riedel (2), Rudolph (4), Vlad (5), Zehmisch

OTZ/Marcus Schulze/07.11.2017

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