Feb 11, 8 Monaten ago

Renaissance in Hermsdorf

Es flossen sogar vereinzelt Tränen. Ja, so manch altgedienter Schlachtenbummler des SV Hermsdorf offenbarte da am Sonnabend nach der Partie gegen den Sonneberger HV seine sensible Seite und wischte sich eben eine Träne aus dem Auge. Vielleicht war es aber auch nur verschüttetes Bier, welches sich beim Jubeln nach dem Sieg verselbstständigt hatte, partout nicht mehr im Becher verweilen wollte, weil man hin und weg war von dem Dargebotenen der Kreuzritter.

Wahrscheinlich wurden Erinnerungen an längst vergangene Tage bei den zahlreichen Fans in der „Hölle Ost“ in Hermsdorf beschworen. Seit dem Abstieg in die Thüringenliga beschlich die Fans oftmals das Gefühl, dass es sich so langsam, dafür aber stetig gen Ende neigt in Sachen Handball in Hermsdorf. Pessimismus und auch Zynismus waren in den vergangenen zweieinhalb Spielzeiten konsequente Begleiter – zumindest auf der Tribüne. Und jetzt? Der Patient lebt, hat, wenn man denn so will, am vergangenen Spieltag eine Art von Sport-Auferstehung sein Eigen nennen dürfen. Und was für eine.

In jenen Momenten nun, als ich da so am Spielfeldrand die Euphorie nach der Partie erlebte, musste ich an die Worte eines geschätzten Kollegen denken, der vor gut zweieinhalb Jahren der Überzeugung war, dass mit dem Abstieg aus der Mitteldeutschen Oberliga der SV Hermsdorf immer mehr an Bedeutung verlieren werde. Er künftig im Schatten des aufstrebenden HBV Jena verweilen müsse, dem neuen Platzhirsch in Sachen Handball in Ostthüringen.

Und er sollte anfangs auch recht behalten, gelang doch der „Gang von der Saale“ in der Saison 2017/18 der Sprung in die Mitteldeutsche Oberliga. Unvergessen das Gipfeltreffen am letzten Spieltag der Saison in Hermsdorf, als die Jenaer, die zu jenem Zeitpunkt schon Meister waren, mit breiter Brust im SHK aufschlugen – und auch siegten. Das Szenario erinnerte so ein wenig an den Film „Der Leopard“ (1963) von Luchino Visconti, in dem das aufstrebende Bürgertum in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Begriff ist, den Adel als gesellschaftlich dominierende Kraft abzulösen. Damals hatte es den Anschein, dass der HBV Jena das aufstrebende Bürgertum gab, der SVH indes das Ancien Régime in Sachen Handball.

Und 2020? In Jena wird man sich wieder mit der Thüringenliga anfreunden müssen, während in Hermsdorf alle Zeichen auf Renaissance stehen. Obwohl, Handball war niemals tot in Hermsdorf.

Otz/Marcus Schulze/08.02.2020

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